Nussknacker gefällig? Wie der Nussknacker zum Ballett kam.

Die Weihnachtszeit ist eine besondere Zeit für den Spitzentanz. Denn das Stück „Der Nussknacker“ gehört genauso zur Weihnachtszeit wie der Nussknacker zur Weihnachtsdeko. Meist kommen viele Theaterbesucher zum ersten Mal mit dem Ballett in Berührung, wenn sie den Nussknacker das erste Mal auf der Bühne gesehen haben – und sie sind begeistert von diesem opulenten Bühnenspektakel. Doch wie kam der Nussknacker überhaupt zum Ballett? Dies lässt sich in dem Buch „Ballett. Eine visuelle Reise durch die Geschichte des Tanzes“ von Viviana Durante (deutsche Übersetzung von Kristina Scharmacher-Schreiber) wunderbar nachlesen.

Die Compagnien waren immer auf der Suche nach vertonten Geschichten. Nachdem das Ballett des Kaiserlichen Theaters in St. Petersburg im 19 Jahrhundert mit Peter Tschaikowskis „Dornröschen“ erfolgreich war, wandte man sich erneut an den Komponisten. Dieser schuf auf der Basis des Märchens „Nussknacker und Mäusekönig“ von E.T.A. Hoffmann die Komposition „Der Nussknacker“. Bereits sechs Wochen vor der Uraufführung des Balletts wurden Stücke aus der Komposition aufgeführt und waren ein Erfolg. Das Ballett „Der Nussknacker“ war damals weniger erfolgreich – es war zu lang, weniger dramatisch und wurde erst gegen Mitternacht aufgeführt. Da wollte damals beim Publikum keine Weihnachtsstimmung aufkommen.

Von Medizinmännern und Drachenmasken

1934 ließ Nicholas Sergejew das Ballettstück zum ersten Mal außerhalb Russlands in London vom Vic-Wells Ballet einstudieren. Danach griffen viele Compagnien das Stück im Laufe der Jahre auf. Es gibt zahlreiche Interpretationen des Stücks. In Südafrika tanzte ein afrikanischer Medizinmann mit Gummistiefeln, in China wurde der „Nussknacker“ mit Drachenmaske und Schwert aufgeführt. Dass die Aufführung des Balletts in London so erfolgreich war, ist auch dem Ballettstar und Choreografen Peter Wright zu verdanken. Er knüpfte wieder an die Originalfassung an und schuf dramatische Szenen. Er ließ am Birmingham Royal Ballet einen Weihnachtsbaum auf der Bühne wachsen und sorgte so für eine spektakuläre Verwandlungsszene. Wright war für seine Interpretationen in England so beliebt, dass er zum Ritter geschlagen wurde.

Männerballett mit politischen Anspielungen

Ballettfreunde begeben sich beim Blättern und Lesen des Buches von Herausgeberin Viviana Durante auf eine kurzweilige Zeitreise durch die Welt des Tanzes. Die Autorin war selbst eine berühmte Balletttänzerin und unterrichtet heute am Royal Ballet. In dem Buch werden die Anfänge des Tanzes ausführlich beschrieben.

Das Männerballett – das feiert heute Auftritte im Karneval oder im Fernsehen – und dient zur allgemeinen Belustigung. Aber wer weiß denn schon, dass vor dem 17. Jahrhundert der Tanz eine Männerdomäne war? Das Hofballett hatte seine Blütezeit und wurde von Mitgliedern der Königshäuser, vom Adel und anderen Würdeträgern ausgeführt. Der französische König Ludwig XIV. war ein begeisterter und guter Tänzer. Er nutzte den Tanz bei Hofe auch als politisches Instrument. Das Hofballett konnte oft mehrere Stunden dauern. Der Tanz galt auch als Anlass, sich besonders herauszuputzen. Getanzt wurde mit schweren Masken, Kostümen und Absätzen. Mit der Aufführung „Ballet de la nui“ – einem zwölfstündigen Hofspektakel präsentierte sich Ludwig XIV. als tanzenden Apollo und ging als Sonnenkönig in die Geschichte ein. Der französische König gründete die erste Tanzakademie weltweit. Zunächst war nur Männern der Zutritt in die Akademie gestattet.

Erfolgreich trotz Makel

Durante stellt in ihrem Buch bekannte Tänzer und Choreographen aus verschieden Epochen vor. Die Industriellen Revolution brachte im 19 Jahrhundert die Romantik als kulturgeschichtliche Strömung hervor. Sie hielt Einzug in die Literatur, Musik und bildende Kunst. Das romantische Ballett sorgte für den Aufstieg der Ballerina. Sie entwickelte sich zum Mittelpunkt der Aufführung. Eine schillernde Gestalt dieser Zeit war die Ballerina Maria Taglioni. Sie tanzte in der Aufführung „La Sylphide“ im weißen, langen Tutu erstmals auf Spitzen. Als Tochter eines italienischen Tänzers und einer schwedischen Tänzerin verweigerte ihr ein Lehrer den Tanzunterricht, da sie einen Rundrücken hatte. Er hielt eine Karriere als Tänzerin für ausgeschlossen. Daraufhin trainierte ihr Vater sie: mit Erfolg. Die Anmut, mit der sie sich bewegte, machte sie berühmt. Produkte wurden nach ihr benannt, Frauen trugen ihre Frisur und Prinzessin Victoria, die spätere Königin von England, benannte ein Rennpferd nach ihr.

Mein Fazit:

Es macht Freude, dieses großformatige Buch in den Händen zu halten und zu lesen. Sehr schön ist auch die Bebilderung des Buches. Es enthält viele ausdruckstarke, großformatige Fotografien aus den einzelnen Tanzszenen. Der Aufbau des Buches ist sehr strukturiert. Die Aufführungen der einzelnen Epochen sowie der Werdegang berühmter Tänzer, Ballerinen, Komponisten und Choreografen werden darin detailliert und lebendig beschrieben. Ergänzend enthalten die Kapitel Infokästen mit Beschreibungen von Tanzhandlungen oder Lebensdaten. Die Auswahl der in dem Buch dargestellten Künstler ist sehr ausgewogen. Dem Buch ist deutlich anzumerken, dass hier viel fachliche Expertise drinsteckt. Autoren, die selbst Tänzer sind bzw. waren, haben das Buch mitgestaltet. Dieses Buch ist für Tanzfreunde ein Geschenk – gerne auch unter dem Weihnachtsbaum.

Ballett: Eine visuelle Reise durch die Geschichte des Tanzes
Viviana Durante (Hrsg.)
DK Dorling Kindersley, München
Gebundene Ausgabe, Sept. 2019

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