Global Groove – Die Welt tanzt

Die am 13. August im Folkwang Museum in Essen eröffnete Ausstellung Global Groove   Kunst, Tanz, Performance und Protest will Brücken schlagen zwischen den einzelnen Kunst- und Ausdrucksformen. In Prolog und sechs Kapitel unterteilt, ist ein Szenenbild mit Blick von West nach Ost entstanden. Im Fokus: westliche und (süd)ostasiatische Künstlerinnen und Künstler, die sich aneinander ausrichten und zusammen arbeiten.

Tanz ist Bewegung

Gelb. Grün. Blau. Rosa. Und rückwärts. Rosa. Grün, Blau. Gelb. Das Kleid der Tänzerin wechselt die Farbe im Rhythmus der Klänge. Ein Serpentinentanz in Schleife. Kunstlicht erzeugte ursprünglich die Farbe, wahrscheinlich ist das Werk nachkoloriert.
Der Tanz der US-amerikanischen Choreographin und Tänzerin Loie Fuller bereitet Ende des 19. Jahrhunderts  einen Umbruch in eine neue Tanzästhetik vor.

Das ist ein schöner Einstieg in die Ausstellung und in die Kulturgeschichte des Kontakts. Denn Tanz ist Bewegung und im Bewegtbild am besten zu betrachten. Der passende Ton wird durch den Audioguide erzeugt, den jede Besucherin und jeder Besucher zu Beginn erhält.

Weibliche Inszenierung

Ein rein weibliches Team aus vier Kuratorinnen und Assistentinnen aus den Bereichen Performance, Theater, Tanz, Mode und bildende Kunst hat die künstlerischen Werke dieser Ausstellung inszeniert und arrangiert: Körper, Licht, Farbe, Stoff und Stimme in Bild und Ton.

„Wir haben die Ausstellung wie eine Zwiebel angelegt: Die obere Schicht ist die des ´schönen Scheins`, die zweite Schicht ist die Kulturgeschichte des Kontakts, Erzählungen, Geschichten, Biographien, Umbrüche, die dritte Schicht ist die der ´Tiefenbohrung`, Transparenz und Verborgenes werden sichtbar.“, sagte Marietta Pieckenbrock, eine der Kuratorinnen, in der Eröffnungsrede.

Wuchtig, wie ein riesengroßes ausgebreitetes Kleid, schlängelt sich die Skulptur Foreverago des US-amerikanischen Multimediakünstlers Pae White durch den Raum. Das textile Objekt soll verbindend in den Dialog zu dem gegenüberliegenden Werk, dem performativen Garten der dänischen Künstlerin Mette Ingvartsen (The Life Work, ein künstlich angelegter Garten, der mit Licht und Ton atmosphärisch untermalt wird) treten. Dieses Objekt wirkt aber eher störend und verdeckend.

Der westliche Blick

Kolonialismus und die Faszination am Exotischen waren Impuls gebende Kräfte für die kulturelle Entwicklung des Tanzes im Westen. Durch „Weltausstellungen“ in Europa kamen westliche Künstler zum ersten Mal in Kontakt mit (süd)ostasiatischen Tänzen.

Mit der Schauspielerin und Tänzerin Madame Hanako findet der französische Bildhauer Auguste Rodin im Jahre 1906 sein erstes japanisches Modell. Im Rahmen einer „Exposition Coloniale“ in Paris entdeckt er Hanako und wird durch sie zur Modellierung viele seiner Masken, Köpfen und Büsten inspiriert.

Die ausdrucksstarken Masken mit dem „bösen Blick“ der Madame Hanako thronen in Glasvitrinen. Die handkolorierten Zeichnungen dokumentieren die eindrucksvoll posierenden kambodschanischen Tänzerinnen.

Ein anderes Medium zur Dokumentation der „fremden Tanzwelt“ wählt der französische Künstler und Museumsgründer George Groslier. Um die Posen des Khmer-Tanzes festzuhalten, greift er in den 1920er Jahren zur Fotokamera und belichtet jeweils zwei Motive auf etwa 400 Glasplatten. Die tänzerischen Hauptcharaktere Frau, Mann, Affe und Riese werden in einer Blackbox gezeigt.

Neue Rollenmodelle

„Da. Da. Eh. Gsche. De. Ni. Da.“ Mit diesem Sprechgesang und einem schepperndem rasselnden Instrument beginnt die Videoarbeit Varnam der Choreographin Padmini Chettur. Die Inderin beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Bharatanatyam, einem traditionellen indischen Tanzstil. Inspiriert ist ihr Tanzstil von ihrer ehemaligen Tanzlehrerin Chandralekha.
In dem dreigeteilten Video sieht man mehrere traditionell gewandete Frauen, die auf Stühlen sitzend „tanzen“. Getanzt wird hier mit Gesten und Körperbeugungen. Parallel dazu sieht man eine „moderne“ junge Frau ähnliche Bewegungen ausführen, jedoch im Stehen.

 „Ein Varnam ist der zentrale Teil einer Bharatanatyam-Tanzaufführung, der aus zwei Arten von Tanz besteht: einem narrativen, der aus gesungenen Worten besteht, und dem anderen, dem Jathi, einer Abstraktion von Stimme und Rhythmus, für reine Bewegung“, so Padmin Chettur auf ihrer Webseite.

Man gewinnt den Eindruck, dass Pina Bausch von diesem traditionellen indischen Tanzstil inspiriert wurde, er erinnert an ihre Ausdrucksform.

Form und Körper

Vom Tanzstil Pina Bauschs kann man sich in der Ausstellung jedoch nur anhand von Schwarzweißfotografien ein Bild machen. Der Modedesigner Yohij Yamamoto hat sich zum Jubiläum des Tanztheaters Wuppertal der Kostüme des Pina-Bausch-Tanzensembles angenommen. Alle Tänzer tragen bei den Aufführungen Schwarz, der japanische Designer hat einen Auftritt als Karatekünstler.

Mode und Tanz führt auch zur Zusammenarbeit der Choreographin Merce Cunningham und dem Modedesigner Rei Kawakubo. Hieraus entsteht das Stück Scenario, welches man sich als Video ansehen kann. Die grotesk wirkenden Kostüme sind mit Polstern an Po, Bauch oder Brust versehen und im Original ausgestellt.

Neue Körperkultur

Im Kapitel Antikörper geht es um „andere“ Körperbilder, neue ästhetische Formen der Bewegung. Hier werden Körperschäden, Krankheit und Verletzungen thematisiert. Die verschiedenen Schwarzweißfotografien zeigen Ausdrucksformen des Tanztheaters, zu dem auch der japanische Butoh gehört und verschiedene Performances. Daran schließt sich ein kleiner Exkurs zur Happening- und Fluxusbewegung an.

Like a Disco – Tänze aus der ganzen Welt

Auf acht Leinwänden wird der Tanz der globalen Welt gefeiert. Die Künstlerin Anouk Kruithof hat mit ihrem Team 8800 Tänze aus dem Internet gesammelt. Entstanden sind 32 Stunden getanzte Welt. Man sollte also Zeit mitbringen.

„Tanz ist eine transformative Kraft, in der konstruierte Ideen, herausfordernde Glaubenssysteme und lokale, globale, universelle und spirituelle Verbindungen als verkörpertes Wissen erscheinen.“ sagt Anouk Kruithof zu ihrem Werk.

Der Titel der Ausstellung Global Groove wurde von einer Videoarbeit  aus den 1970er Jahren des Multimediapioniers Nam June Paik entlehnt, und zum Schluss bekommt der Begriff „Global Groove“ nochmal eine sehr intensive Bedeutung.

Die Ausstellung kann noch bis  14. November 2021 besucht werden.

GLOBAL GROOVE – Kunst, Tanz, Performance und Protest
Folkwang Museum Essen
museum-folkwang.de

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