Virtueller Raum und Kinosaal: Die 68. Oberhausener Kurzfilmtage

Nach zwei Jahren Onlinefestival ist in der ersten Maiwoche 2022 endlich wieder Leben in die Fußgängerzone der Oberhausener Innenstadt eingekehrt.

Das Programm der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen in diesem Jahr war zweigeteilt: Neben einem viertägigen Onlineangebot mit internationalen und deutschen Wettbewerbsfilmen gab es sechs Tage fast „normalen“ Kinogenuss (medizinische Maske war Pflicht).

Die Kurzfilmtage haben sich zu Beginn der Coronakrise in 2020 schnell auf die Digitalisierung eingelassen. Als Ergänzung und um ein größeres Publikum anzusprechen, ist das Onlineangebot nun zu einer Bereicherung für das Filmfestival geworden.

Körper und Geist

Der Deutsche Online-Wettbewerb startete mit insgesamt zehn Filmen. Wobei sieben der zehn Filme von Filmemacherinnen stammten. Beindruckt hat mich hier besonders Sonne unter Tage von Mareike Bernien und Alex Gerbaulet. In nüchterner Bildsprache analysieren die beiden Filmemacherinnen die Bedeutung der ehemaligen Uranabbaugebiete in Sachsen und Thüringen und gehen dabei auch der Frage nach  „Wo sind die Atome jetzt? Vielleicht im eigenen Körper?“. Die beiden Frauen gewannen am Ende den Preis des Deutschen Online-Wettbewerbs für ihr gelungenes Werk.

Um den (geschundenen) Körper, aber auch den Geist, geht es in Handbuch von Pavel Mozhar, der ebenfalls im Deutschen Online-Wettbewerb gezeigt wurde. Dem ergreifenden Film über die Folterhaft nach Protesten im weißrussischen Belarus liegen Opferberichte der Menschenrechtsorganisation spring6.org zugrunde. Der Regisseur hat für seinen Film auf direkte Gewaltdarstellung verzichtet und eine reduzierte Bildsprache mit Voiceover gewählt. Die Bilder der Gewalt dazu entstehen automatisch, man hat genug Bilder im Kopf, um sich die Grausamkeiten vorstellen zu können.

Dass eine reduzierte Bildsprache mit Voiceover reicht, um ein Thema eindrucksvoll zu transportieren, beweist auch der Film L’Escale (The Stopover) des kongolesisch-belgischen Künstlerkollektivs Collectif Faire-part, der im Internationalen Wettbewerb lief.Der/die Zuschauer/die Zuschauerin sitzt quasi bequem im Flugzeugsessel und hört die Geschichte der Filmemacher Paul Shemisi und Nizar Saleh. Während 14 Minuten lang der Blick durch das Flugzeugfenster in die sich verändernde Wolkenwelt gezeigt wird, erfährt man/frau was die beiden Filmemacherauf ihrer Reise vom kongolesischen Kinshasa nach Frankfurt durchmachen, als sie in Angola eine Woche ohne ersichtlichen Grund festgehalten werden.

Zurück in die Vergangenheit

Die insgesamt zehn Filme umfassende Werkschau Rainer Komers‘ Weg zum künstlerischen Dokumentarfilm lässt einen weit in die Vergangenheit, in die 1970er und 1980er Jahre des Ruhrgebiets eintauchen. Und damit auch in Themen meiner Kindheit: Streikende Stahlarbeiter für die 35-Stunden-Woche erinnern mich an meinen Vater, der damals auch in der Gewerkschaft IG-Metall aktiv war. Auch die Schicksale der Sinti-Familien und damit die damaligen „Zigeunerlager“, die der mehrfach ausgezeichnete Filmemacher in Zigeuner in Duisburg porträtiert, kenne ich teilweise aus meiner Kindheit in Düsseldorf-Eller.

Insgesamt war es wieder ein schönes Filmfestival mit einer Vielzahl von gesellschaftlichen Themen in ganz unterschiedlichen Filmformaten.

Gerne hätte ich mir noch viel mehr tolle Filme angesehen, aber leider reichte die Zeit dafür nicht. Schön wäre gewesen, wenn das Online-Streaming während des gesamten Festivals zur Verfügung gestanden hätte. Für das nächste Jahr plane ich vielleicht eine Übernachtung in Oberhausen. Dann geht noch mehr im Kinosaal 🙂

Alle Preisträgerinnen und Preisträger:
https://www.kurzfilmtage.de/de/festival/wettbewerbe/#c3491

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